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Frauen
auf dem Fahrrad wecken vor allem im 19. Jahrhundert zahlreiche, mitunter
abstruse Männerängste. Die unabhängige Form der Fortbewegung und die
Kritik an den einengenden Kleidernormen bedrohen die damalige Männerwelt.
Da sich
Frauen aber nicht davon abhalten lassen, Fahrräder zu besteigen, werden
zunächst Damenmodelle konstruiert, die unvergleichbar schwerfälliger
und unkonfortabler sind als die Fahrräder für Männer. Größtes Hindernis
der neuen Fortbewegungsart für Frauen bleibt aber die damalige Mode.
Zunächst wagt frau es nicht das lange Kleid mit Korsett gegen die
"Unaussprechlichen", auch "Beinkleider" genannten Hosen zu tauschen.
Angefeindet und beschimpft brechen die Frauen zu waghalsigen Ausfahrten
mit dem Rad im langen Kleid auf.
Als Übergangslösung wird kurzfristig ein geschlitzter Rock über den
ersten Hosen getragen bis schließlich in Wien 1895 bereits ein Drittel
der Damen das verpöhnte neue Kleidungsstück trägt.
Auch
die Ärzteschaft beteiligt sich an der zum Kulturkampf geratenen Diskussion
und kritisiert die angeblichen negativen Folgen des Fahrradfahrens
für das weibliche Geschlecht. Um die Gebärfähigkeit sorgt Mann sich
ebenso, wie um die Auswirkungen des "Lustgewinns" durch das Rad. Die
Angst, die sexuelle Libido der Frauen könnte ins Unermeßliche steigen,
bewegt die damalige Männerwelt:
"Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn die betreffenden Individuen
es wollen, kaum eine Gelegenheit zu vielfacher und unauffälliger Masturbation
so geeignet ist, wie sie beim Radfahren sich darbietet. Wenn man,
was vorgekommen ist, ganz absieht von den denjenigen Fällen, in denen
der Sattel in ganz besonderer Absicht mit einem nach oben gekrümmten
Vorderteil versehen wurde, so bietet auch sonst der Sitz, rittlings
mit ausgespreitzten Schenkeln, ausreichende Möglichkeit solchem Hange
nachzugehen." (zit. in: Jutta Franke, Illustrierte Fahrradgeschichte,
Materialien zur Ausstellung des Museums für Verkehr und Technik, Berlin
1987)
Zu den sonstigen Auswirkungen auf die Psyche meint der Kölner Arzt
Tissié: :" Es ist eine Art Hemmung gewisser Hirnteile, ein automatischer
Vorgang, wobei gewisse physische Empfindungen nicht mehr deutlich
zum Bewusstsein gelangen und die Gedanken einschlafen, eine Art Anästhesie,
die gewiss nur entfernt mit der des Haschisch vergleichbar ist." (zit.in:
siehe a.a.O.)
Ein anderer Ratgeber meint zu dem Thema: "Wenn das zarte Geschlecht
absolut das Bedürfniss zur Bethätigung seiner Strampelkraft fühlt,
so kann es diese ebenso gut an der Nähmaschine efektuieren."
Entgegen aller Warnungen und Verurteilungen ist der Aufbruch der Frauen
mittels Fahrrad in Richtung Emanzipation jedoch nicht mehr aufzuhalten:
1894 entsteht der "Erste Wiener Damen Bycicle Club" und ein Jahr später
werden die Erfahrungen und Tips der Radfahrenden Damen in der Zeitschrift
"Draisena" weitergegeben. Schließlich zeigt sich ein Wandel in der
Beurteilung des Fahrradfahrens von Frauen. Auch Wiener Ärzte vertreten
bald die Meinung des deutschen Arztes Carl Fessel: :" Mangel an genügender
Bewegung des Körpers in frischer sauerstoffreicher Luft und behinderte
Atmung in derselben sind meiner Ansicht nach zwei Hauptursachen des
häufigen Vorkommens der Bleichsucht. Wie dankbar können wird da einem
gütigen Geschick sein, daß es uns in dem Fahrrad einen mächtigen Heilfaktor
gegeben hat, der wie kein zweiter geeignet ist, unsere Mädchen- und
Frauenwelt ganz umzuwandeln und ihnen eine Gesundheit und Kraft zu
verleihen, von denen sie sich früher nichts haben träumen lassen."
(zit. aus: Andreas Hochmuth, Kommt Zeit - Kommt Rad, Wien, 1991)
Die Wiener Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Rosa
Mayreder, abgebildet auf unserem 500-Schilling-Schein, beschreibt
den Stellenwert des Radfahrens für die Emanzipation der Frauen so:
"Das Bycicle hat zur Emancipation der Frau...mehr beigetragen als
alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammen." (zit. aus: Rosa Mayreder,
"Zur Kritik der Weiblichkeit", Wien, 1905)
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