Vom Endzeit-Gefühl zum Jahrhundert-
bewußtsein
 
   

Während die meisten Menschen in Europa noch auf die Rückkehr Christi zu einem unbekannten Zeitpunkt warten und sich bis dahin in bußfertigem Leben üben, entwickelt sich im 16. Jahrhundert ein neues historisches und auch zeitliches Bewußtsein.

Mit dem zunehmenden Handel, vor allem ausgehend von Italien, gewinnt die Zeitmessung immer mehr an Bedeutung. In Zusammenhang damit steht auch die Kalenderreform von 1582, die Papst Gregor XIII. durchführt.

Kurz zuvor wird 1559 im Zuge der Reformation erstmals die Geschichte in Jahrhunderte zusammengefaßt. Eine Gruppe lutherischer Gelehrter veröffentlicht unter dem Titel "Magdeburger Centurien" in Basel den ersten Band einer Kirchengeschichte, die vor allem die Verderbtheit des Papsttums seit Christi Geburt zum Inhalt hat.

 

 

   

Als Antwort darauf beginnt der Bibliothekar des Vatikans Cesare Baronio die "Anales Ecclesiastices" zu schreiben. Hier findet sich auch die Geschichte von der angeblich panischen Reaktion der Menschen auf das Jahr 1000. Baronio beschreibt hier, daß die Menschen im Glauben an ein Weltende scharenweise nach Jerusalem gepilgert seien, Reiche ihr gesamtes Hab und Gut verschenkt hätten und es im Allgemeinen zu einer endzeitlichen Hysterie gekommen sei.

Der Mythos vom Jahr 1000 hält sich bis heute und ist in verschiedenen neuen Publikationen nachzulesen. Historiker halten die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse für äußerst zweifelhaft, vor allem deshalb, weil ein Großteil der damaligen europäischen Bevölkerung wohl kaum ein Zeitbewußtsein hat, geschweige denn weiß, daß sie sich im Jahr 1000 befindet.
Im 16.Jahrhundert allerdings bildet sich mit den genannten Publikationen ein "Jahrhundertbewußtsein" und schon im 17. Jahrhundert nützt man täglich den Kalender.
Im Jahr 1700 verschickt man die ersten Glückwünsche zum neuen Jahrhundert.